Du betrachtest gerade Slow Knitting: Bedeutung, Ursprung und warum achtsames Stricken gut tut

Slow Knitting: Bedeutung, Ursprung und warum achtsames Stricken gut tut

Slow Knitting lässt sich im Deutschen nicht wörtlich übersetzen, ohne dabei den tieferen Sinn zu verlieren:

Wir leben in einer Welt, die uns mit immer mehr versorgt, auch beim Stricken. Mehr Inspiration. Mehr Garn. Mehr Projekte. Und trotzdem spüren wir weniger Ruhe.

Viele Strickerinnen kennen das Gefühl. Kaum ist ein Teil fertig, wartet schon das nächste. Ideen entstehen im Minutentakt, soziale Medien zeigen perfekte Ergebnisse und irgendwo schleicht sich der Gedanke ein, man müsse mithalten.

Genau hier setzt Slow Knitting an. Nicht als Regelwerk, sondern als Einladung. Innehalten, auswählen, hinterfragen. Und Stricken wieder als etwas Persönliches zu erleben.

Slow Knitting

beschreibt eine Haltung, bei der

– der Prozess wichtiger ist als Geschwindigkeit,
– Materialien bewusst gewählt werden,
– Langlebigkeit über Trend steht und
– Stricken als achtsame, sinnstiftende Tätigkeit verstanden wird.

Damit ist Slow Knitting keine Technik, sondern eine kulturelle Praxis, die das Stricken in Zusammenhang mit Natur, Handwerk, Wohlbefinden und Zeit betrachtet.

Was bedeutet Slow Knitting?

Eine allgemeingültige Definition für den Begriff Slow Knitting gibt es nicht. Vielmehr hat er sich aus Praxis, Handwerkskultur und Nachhaltigkeitsbewegung entwickelt. Geprägt wurde er vor allem durch das 2017 erschienene Buch „Slow Knitting“ von Hannah Thiessen, in dem das Stricken als bewusste Reise vom Rohstoff bis zum fertigen Stück beschrieben wird. Die Herkunft des Materials, die Wertschätzung des Handwerks und die Verbindung zum eigenen Tun sind dabei zentrale Themen (Thiessen, 2017).

Hannah Thiessen beschreibt darin auch, wie sehr unser Strickverhalten vom Tempo der modernen Welt beeinflusst wird: Von steigenden Inspirationen, Anleitungen und Garnkäufen bis hin zu einer schnellen Abfolge neuer Projekte auf den Nadeln. Über ihre eigene Einstellung schreibt sie:



(Thiessen, 2017, S. 10)


Thiessens Worte machen deutlich: Hier geht es nicht um eine neue Methode, sondern um eine bewusste innere Ausrichtung auf das eigene Tun. Damit steht Slow Knitting nicht allein da. Es gehört zu einer größeren gesellschaftlichen Strömung, die in vielen Bereichen spürbar ist und die sich dem allgemeinen Beschleunigungstrend nicht vollständig unterwerfen will: die Slow-Bewegung als kulturelle Reaktion.

Woher kommt die Slow-Bewegung?

Diese Bewegung entstand in der Auseinandersetzung mit unserem Lebens- und Konsumtempo insgesamt. Als Ursprung gilt die Slow-Food-Bewegung, die 1986 in Italien gegründet wurde und gegen die Eröffnung eines Fast-Food-Restaurants in Rom protestierte. Sie setzte Zeichen für regionale Lebensmittel, traditionelle Herstellungsmethoden und bewusstes Genießen statt hastigen Konsums (Slow Food International, o. J.).

Aus dieser Initiative entwickelte sich eine internationale Bewegung, die Qualität, Nachhaltigkeit und Zeitbewusstsein in den Mittelpunkt stellt. Dieser Gedanke übertrug sich im Lauf der Jahre auf immer mehr Lebensbereiche: Slow Travel, Slow Living, Slow Cities und schließlich auch auf den Bereich Mode und Kleidung.

Slow Fashion: Der Ursprung bewusster Mode

Der Begriff Slow Fashion wurde 2007 maßgeblich von der britischen Forscherin Kate Fletcher geprägt. Sie beschrieb ihn als kritischen Gegenentwurf zur schnelllebigen Fast- Fashion-Industrie und rückte Qualität, faire Bedingungen, ökologische Verantwortung sowie Langlebigkeit in den Fokus (Fletcher, 2007).

Slow Fashion geht über Kleidung hinaus. Es ist ein Prinzip des bewussten Konsums, bei dem Menschen nicht impulsiv kaufen, sondern nachdenken, auswählen und wertschätzen. Dabei geht es nicht nur um ökologische Nachhaltigkeit, auch soziale Verantwortung, materielle Wertschätzung und zeitlose Ästhetik spielen hier eine große Rolle.

Wie Slow Knitting und Slow Fashion zusammenhängen

Slow Knitting lässt sich als handwerkliche Umsetzung der Slow-Fashion-Grundsätze verstehen, wenn wir

  • beim Stricken über die Materialien nachdenken und uns fragen, woher das Garn kommt und wie es produziert wurde.
  • Strickprojekte bewusst auswählen und sie dadurch Bedeutung und Wert erhalten.
  • fertige Strickstücke zeitlos zu uns passend gestalten und sie auf diese Weise langlebig bleiben oder unsere Garderobe perfekt ergänzen.
  • achtsam stricken, des Prozesses wegen und nicht, um schnell etwas zu besitzen.

Damit übernimmt Slow Knitting einige Grundprinzipien der Slow-Fashion-Bewegung und macht sie persönlich, körperlich und sinnlich erfahrbar.

Slow Knitting und Capsule Wardrobe: achtsam stricken für eine bewusstere Garderobe

Die Capsule Wardrobe ist ein Konzept aus aus der Slow-Fashion-Bewegung, das auf Qualität statt Quantität setzt und darauf abzielt, nur das zu kaufen, was wirklich gebraucht und getragen wird. Das Prinzip hierbei ist, nur wenige, aber vielseitig tragbare Lieblingsstücke im Schrank zu haben, die gut miteinander kombinierbar und zeitlos sind.

Wer Slow Knitting lebt, trifft ähnliche Entscheidungen: Nur Projekte, die wirklich Bedeutung haben, werden begonnen. Farben, Material und Stil werden überlegt gewählt und jedes Teil wird bewusst in die Garderobe integriert. Damit verschiebt sich der Fokus von „Was stricke ich als nächstes?“ zu „Was brauche ich wirklich und möchte ich lange tragen?“

Warum Slow Knitting unser Wohlbefinden stärken kann

Ein besonders starker Aspekt von Slow Knitting liegt in der Achtsamkeit und dem psychischen Wohlbefinden. Studien zeigen, das Handarbeiten wie Stricken mit Entspannung, Stressreduktion und gesteigertem Wohlbefinden in Verbindung steht (Riley, Corkhill & Morris, 2013). Auch neuere qualitative Untersuchungen berichten, dass Stricken Menschen hilft, ihre Gedanken zu ordnen und emotionale Stabilität zu fördern (Nordstrand et al., 2024).

In der Psychologie wird Achtsamkeit ebenfalls mit Stressreduktion und höherem Wohlbefinden sowie einem bewussterem Handeln in Verbindung gebracht. Dies kann nachhaltigen Konsum fördern, da Menschen reflektierter mit Bedürfnissen, Impulsen und Gewohnheiten umgehen. Beim Stricken ist jede Masche bereits eine kleine Achtsamkeitsübung: im Moment zu sein, Sorgen loszulassen und den Rhythmus der eigenen Hände wahrzunehmen. So wird Stricken nicht nur kreativ, sondern auch zur mentalen Regeneration und bietet einen Moment der Ruhe in einer sonst hektischen Welt.

Slow Knitting verstärkt diese Effekte, weil es bewusst Raum für Prozess, Pausen und Wahrnehmung lässt.

Slow Knitting vs. schnelles Stricken: zwei Haltungen im Vergleich

Stricken ist heute vielfältig. Neben traditioneller Handarbeit existiert eine stark digital geprägte Szene mit Trends, Challenges, Knit-Alongs und Projektmengen, die an Fast-Fashion-Logiken erinnern können: schnell, viel, sichtbar.

Slow KnittingBeschleunigtes Stricken
Fokus auf ProzessFokus auf Ergebnis
Wenige, bedeutungsvolle ProjekteViele schnelle Projekte
MaterialbewusstseinTrend- oder Preisorientierung
Zeitloses DesignSaisonale Trends
Reparieren und PflegenWeiterziehen zum nächsten Projekt
Strickkbewegungen

Wichtig: Es geht nicht um Bewertung, sondern um Bewusstsein. Auch schnelles Stricken kann Freude machen. Slow Knitting fragt lediglich: „Dient mein Tun meinem Wohlbefinden und meinen Werten oder reagiere ich nur auf äußere Impulse und Tempo?“

Wie ich zum Slow Knitting kam: eine persönliche Geschichte

Beim tieferen Eintauchen in die Entwicklung von Slow Knitting habe ich mich immer mehr wiedererkannt. Nur dass ich diese Haltung bereits hatte, bevor die Bewegung überhaupt in Gang kam.

Ich erinnere mich noch genau an meine Großmutter. Schon als kleines Kind beobachtete ich sie beim Stricken: Sie wirkte ruhig, lächelte und im gleichmäßigen Rhythmus ihrer Hände wurde das Strickstück langsam größer. Ich verstand früh, wie viel Arbeit darin steckt, aber auch, wie viel Liebe und Fürsorge. Die Pullover, die sie für meine Geschwister und mich fertigte, wurden lange, oft und mit sehr viel Wertschätzung getragen. Sie waren etwas ganz Besonderes. Der letzte Pullover, den sie mir strickte, begleitete mich lange über ihren Tod hinaus.

Bis Motten ihn zerfraßen.

Stricken lernen zwischen Mangel und Improvisation

Stricken lernte ich später in der Schule. Anfangs mochte ich lieber häkeln, bis der Moment kam, in dem ich mir in den Kopf setzte: Ich stricke mir selbst einen Pullover. Ein altes Foto davon habe ich neulich in meinem Artikel über Patentstricken gezeigt. Stricken war in den 70er-Jahren sehr beliebt. Genau wie unsere kleinen Tee-Sessions, die immer mit Strickzeug stattfanden. Es gab nie Vergleiche oder Wettbewerbe unter uns, sondern strickten aus Freude am Tun und halfen uns gegenseitig.

Denn Anleitungen waren selten. Meist in Quartals-Strickheften, die nur wenige Größen und Modelle zeigten. Garn war teuer und manchmal schwer zu bekommen. Wir mussten improvisieren, anpassen, manchmal wieder auftrennen und neu beginnen. Dadurch wuchs unser Verständnis und das Vertrauen in unser Können. Kein Teil war perfekt, aber jedes wurde geliebt und lange getragen.

In den 80er Jahren bekam Stricken eine neue Prägung: In politischen und städtischen Kreisen galt Stricken als Teil der Öko-Bewegung, manchmal belächelt als altmodisch oder „spießig“. Parallel begann sich Fast Fashion zu etablieren und Mode änderte sich schneller, als man stricken konnte. Zeitloses, langlebiges Denken wurde von raschen Trendwechseln abgelöst. Strickgeschäfte mussten schließen, junge Menschen fanden andere Hobbys, und Stricken galt für viele nur noch als Oma-Hobby. Selbst heute höre ich noch oft: „Ich kann nicht stricken, aber meine Oma hat mir immer Socken gemacht.“

Internet, Hype und neue Herausforderungen

Mit dem Internet veränderte sich vieles: Anleitungen wurden leichter zugänglich, Garne aus aller Welt erhältlich, Online-Shops machten Wolle auch dort verfügbar, wo sie vorher schwer zu bekommen war. In den Städten entstanden neue Wollgeschäfte. Ich selbst erinnere mich an das gute Gefühl, dass endlich alles möglich schien. Doch so groß die Freude war, so schnell stellte ich auch fest, dass mit der neuen Popularität des Strickens neue Herausforderungen kamen: Stricken wurde zum Hype, Geschwindigkeit und Perfektion rückten in den Vordergrund und Social Media zeigte perfekte Ergebnisse. Manchmal auf Kosten der Gestaltungsfreude.

Ich möchte das nicht komplett kritisieren. Doch etwas machte mich traurig: Dass von der ursprünglichen Strickgemeinschaft, die mich einst geerdet und entspannt hatte, so wenig übrig blieb. Dass Projekte oft schneller gehen sollen und ein großer Wollvorrat fast selbstverständlich ist. Dass bestimmte Designs überall sichtbar und damit alltäglich werden. Dass Strickerinnen verzweifeln, weil Maschenproben nicht passen oder fertige Teile nicht so sitzen, wie sie sollten.

Mein Weg zu bewusst gewählten Projekten

Als Jugendliche strickte ich oft aus Polyacryl, weil es das Einzige war, was ich mir leisten konnte. Doch irgendwann wollte ich Garn aus hochwertigeren Materialien, die langsam in die Läden kamen. Dafür musste ich mir mein Geld verdienen und begann, fokussierter an Projekte heranzugehen. Mit der Überzeugung, etwas zu schaffen, das ich schätzte und lange tragen würde.

Mit bewusst-verstrickt verfolge ich genau diesen Ansatz. Auch heute überlege ich mir jedes Projekt sorgfältig. Für mich, nicht für einen Trend. Und doch gelingt es mir nicht immer perfekt: Wenn ich wenig Zeit zum Stricken habe, darf es auch mal ein neuer Wollstrang zum Trost sein. Mein Vorrat ist vielleicht zu groß, aber ich kaufe nicht willkürlich, sondern meist nach dem Prinzip des Slow Knittings.

Slow Knitting spiegelt viele meiner Einstellungen wider. Mein Startpunkt war nur ein anderer. Es gibt viele Wege zu einem bewussten Strickverhalten und jeder darf für sich den finden, der sich gut anfühlt. Ich stricke achtsam, manchmal langsam, manchmal schneller, aber immer mit Freude. Ob zwei Runden oder zwei Stunden: Nicht die Zeit zählt, sondern die Begeisterung, etwas mit den eigenen Händen entstehen zu sehen. Es ist die Ruhe, die mich dabei umgibt und das Gefühl, selbst entscheiden zu dürfen, wann und wie ich stricke. Und ja, es gibt Zeiten, in denen ich gar nicht stricke und es auch nicht vermisse. Denn Kreativität braucht Pausen.

Deshalb wünsche ich mir, dass Stricken nicht nur aus einer Perspektive gesehen wird. Was die eine glücklich macht, kann für die andere herausfordernd sein. Und ich möchte da sein für jene, die ihr Strickverhalten hinterfragen und vielleicht eine Art des Strickens kennenlernen möchten, die zufrieden macht, zu bewussten Entscheidungen führt, leichtfüßig sein darf, Kreativität sprudeln lässt und Vertrauen schenkt.


Herzlichst, Deine Vera.

MASCHEN. GELASSEN. ANDERS.


Quellen und weiterführende Literatur

  • Thiessen, Hannah (2017). Slow Knitting: A Journey from Sheep to Skein to Stitch. Abrams.
  • Fletcher, Kate (2007). Slow Fashion. The Ecologist.
  • Slow Food International (o. J.). Geschichte der Slow-Food-Bewegung.
  • Riley, J., Corkhill, B. & Morris, C. (2013). The benefits of knitting for personal and social wellbeing. Journal of Public Health.
  • Nordstrand, A. et al. (2024).

Schreibe einen Kommentar